
- Gesellschaft & Demokratie
- November 2026
Ringen um Deutschland: Zustand und Ambitionen unserer Gesellschaft
Wie steht es um das gesellschaftliche Miteinander, das Vertrauen in demokratische Institutionen und die Zukunftszuversicht in Deutschland? Mit unserer neuen Studie „Ringen um Deutschland: Zustand und Ambitionen unserer Gesellschaft“ legen wir ein umfassendes Update unserer Grundlagenforschung vor. Mit unseren Forschungspartnern infratest dimap und Ipsos haben wir zwischen Oktober 2025 und August 2026 über 6.000 Menschen in ganz Deutschland zu ihrem Gesellschaftserleben, ihren Werten und Grundüberzeugungen befragt. Das Ergebnis sind sieben gesellschaftliche Typen, die sich in vier gesellschaftlichen Rollen wiederfinden.
Einige Kernzahlen im Überblick
- 80 % finden, dass sich Deutschland in die falsche Richtung entwickelt. Enttäuschung ist das dominante Gefühl gegenüber Deutschland, doch unter den sechs stärksten Gefühlen finden sich auch vier positive, allen voran Verbundenheit und Zuversicht. In der Unzufriedenheit steckt überraschend viel Gestaltungswille: Die Menschen haben das Land nicht aufgegeben.
- 91 % ist es persönlich wichtig, in einer Demokratie zu leben. Mit dem Funktionieren der Demokratie zufrieden sind aber nur 45 %.
- 71 % halten es für die Zukunft unseres Landes für wichtig, dass wir trotz unterschiedlicher Ansichten zusammenhalten – mit Mehrheiten in allen gesellschaftlichen Typen. Dabei erleben viele derzeit einen verengten Gesprächskorridor. Die Voraussetzungen für Verständigung wären also nicht schlecht.
- Menschen wünschen sich vor allem mehr Lohngerechtigkeit sowie mehr Solidarität und Gemeinsinn. Der Anspruch an innergesellschaftliche Verbindlichkeit lebt trotz aller Ernüchterung fort. Wichtigster Gerechtigkeitsgrundsatz: Jeder soll von seiner Arbeit leben können (62 %).
- Sicher, demokratisch, gerecht: So beschreiben die Menschen ihr ideales Deutschland (60, 59 und 51 %). Viele tragen die mentale Blaupause eines funktionierenden Gemeinwesens in sich: die Idee ihrer Bundesrepublik mit ihren klassischen Kernversprechen.
Vier Rollen und sieben gesellschaftliche Typen
Statt einer in den letzten Jahren vieldiskutierten Spaltung unserer Gesellschaft in zwei Lager (etwa zwischen Links und Rechts) legen unsere sieben gesellschaftlichen Typen ein komplexeres Bild offen. Bestimmte Typen übernehmen dabei unterschiedliche Rollen in der gesellschaftlichen Dynamik. Es ergeben sich vier dieser Rollen, die (mit Ausnahme der Hinterfrager) jeweils von zwei Typen gemeinsam ausgefüllt werden. Manche von ihnen ringen förmlich miteinander um die Deutung gesellschaftlicher Wirklichkeit. Erneut ist Ost-West dabei nicht die entscheidende Trennlinie unserer Gesellschaft.

Die gesellschaftlichen Systemstützer (33 Prozent)
Die Systemstützer, bestehend aus den Angekommenen (16 Prozent) und den Bewahrenden (17 Prozent), bejahen mit Abstand am stärksten, wie unsere Gesellschaft und Demokratie derzeit funktionieren – die einen eher wertprogressiv, die anderen eher wertkonservativ. Getragen von persönlicher Zufriedenheit und einem starken Vertrauensverhältnis zu Gemeinwesen und Mitmenschen wirken sie stabilisierend und beruhigend. Zugleich laufen sie Gefahr, legitime Problembefunde anderer nicht anzuerkennen und so demokratische Erneuerung zu bremsen.
Die gesellschaftlichen Hinterfrager (11 Prozent)
Die Hinterfrager, bestehend aus den Aufgewühlten, fungieren als ambivalentes „Korrektiv“: Sie sind vertrauensbereit und informationsstark, kritisieren aber den Status quo und fordern entschieden gesellschaftlichen Wandel. Mit ihrem Fokus auf Erneuerung und genaues Hinschauen stellen sie sich gegen Stillstand. Zugleich können sie mit ihrer stark progressiven Agenda polarisierend wirken und bewahrungsorientierte Bevölkerungsteile in eine Verteidigungsstellung bringen.
Die gesellschaftlichen Ankläger (31 Prozent)
Die Ankläger, bestehend aus den Zurückfordernden (14 Prozent) und den Geladenen (17 Prozent), führen ein scharfes Plädoyer gegen die derzeitige gesellschaftliche Entwicklung: Sie fühlen sich vom kulturellen Wandel bedrängt und gehen mit unserer politischen Ordnung hart ins Gericht. Mit ihrem streng systemkritischen Profil tragen sie derzeit maßgeblich zum Erstarken illiberaler Kräfte bei. Aus ihrer Sicht agieren sie jedoch primär im Verteidigungsmodus. Militante Vorstellungen ballen sich bei den Geladenen, während sich die Zurückfordernden der pluralen Demokratie durchaus verbunden fühlen.
Die gesellschaftlich Unsichtbaren (25 Prozent)
Die Unsichtbaren, bestehend aus den Ungebundenen (9 Prozent) und den Abgewandten (16 Prozent), werden aufgrund ihrer relativen politischen Passivität mit ihren Perspektiven und Bedarfen leicht übersehen oder falsch zugeordnet. Sie sind vergleichsweise institutionenfern und stehen bei Wertschätzung, Einbindung und Absicherung oft nicht gut da. Doch still heißt nicht irrelevant: Im Alltag sind viele Unsichtbare Leistungsträgerinnen und übernehmen Verantwortung. Sie sind weder geschlossen prekär noch „von oben herab“ zu bemitleiden.
Gesellschaftsquiz: Welcher Typ bist du?
Das Quiz basiert auf unserer Forschung zu den sechs gesellschaftlichen Typen.
Was die Menschen für ihr Land wollen
Der deutschen Gesellschaft mangelt es an Vertrauen in ihre kollektive Handlungs- und Gesprächsfähigkeit. Doch Menschen in Deutschland wollen etwas für dieses Land – das machen sie anhand ihrer Werte und Zielbilder deutlich. Das kollektive Bangen sollte deshalb als Gestaltungsauftrag begriffen werden.
Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist eine Frage der Ambition und der Substanz, nicht nur des Tons. In Gerechtigkeitsfragen besonders wirkmächtig sind Motive ausreichender Absicherung sowie gleicher Chancen und Rechte einerseits, der individuellen Einsatz- und Beitragsbereitschaft andererseits. Wie schon in früheren Jahren setzen viele auf eine Gesellschaft, die nach oben und unten Maß hält (z. B. befürworten 73 Prozent die stärkere Besteuerung höherer Vermögen) und zugleich Wert auf Gegenseitigkeit legt. Auch in kulturellen Fragen geht es um die Besprechung der Frage, was es bedeutet zusammenzugehören.
Daran lässt sich über alle sieben gesellschaftlichen Typen hinweg anknüpfen: Verbindlichkeit, Gegenseitigkeit, faire Beiträge und Wertschätzung. Damit daraus Zuversicht wird, braucht es starke Zukunftsbilder, die die Werte der Menschen aufgreifen.
Wer wie beitragen kann
- Politische Kräfte entwickeln mit Mut und Ambition programmatische Zukunftspfade.
- Zivilgesellschaft macht als Vertrauensakteur unterschiedliche Perspektiven sichtbar und schafft neue Bündnisse.
- Medien liefern Inhalte und moderieren möglichst nuancierte öffentliche Debatten.
- Wirtschaftsakteure garantieren Leistungsstärke, Investitionen und eine Kultur der Wertschätzung.
Forschungsmethodik
Für „Ringen um Deutschland“ haben wir unsere Grundlagenforschung in einem anderthalbjährigen Prozess umfassend erneuert.
- Befragung: über 6.000 Menschen in Deutschland, zwischen Oktober 2025 und August 2026. Die quantitative Hauptbefragung fand im März und April 2026 mit über 4.000 Befragten statt.
- Forschungspartner: infratest dimap für zwei quantitative Bevölkerungserhebungen, Ipsos für 15 qualitative Fokusgruppen
- Stichprobe: quotiert auf die deutschsprachige Wohnbevölkerung ab 18 Jahren, soziodemografisch gewichtet
- Typenbildung: anhand von Grundüberzeugungen, subjektiver Verortung in der Gesellschaft und Sichtweise auf das Land. Tagespolitische Fragen fließen bewusst nicht ein, damit die Typen stabil bleiben.
Briefings und Vorträge
Zum Anfrageformular.
Presse
Anfragen an Wiebke Ewering presse@moreincommon.com
Das Studienteam
Jérémie Gagné und Falco Hüsson (Autoren und Projektleiter), Sarah Wohlfeld und David Melches (Autoren), Anna Lob (Konzeption und Analyse), Diana Mirza (Analyse und Visualisierung), Anna Theil (Kommunikation, Design und Lektorat), Wiebke Ewering (Kommunikation), Inga Gertmann (Lektorat)
