
7 gesellschaftliche Typen
Wir haben in unserer sozialpsychologischen Forschung sieben Typen der deutschen Bevölkerung identifiziert. Jeder Typ zeigt, wie unterschiedlich Menschen die Gesellschaft wahrnehmen und welche Werte ihren Blick beeinflussen.
Gesellschaftsquiz: Welcher Typ bist du?
Das Quiz basiert auf unserer Forschung zu den sieben gesellschaftlichen Typen.
Vier Rollen in unserer aktuellen Gesellschaft
Statt einer vieldiskutierten Spaltung unserer Gesellschaft in zwei verfeindete Lager (etwa zwischen Links und Rechts) legen unsere sieben gesellschaftlichen Typen ein komplexeres Bild offen: Sie übernehmen vier unterschiedliche „Rollen“ in der gesellschaftlichen Dynamik. Diese Rollen unterscheiden sich erheblich darin, wie sie auf das gesellschaftliche Gesamtgefüge einwirken. Manche von ihnen ringen förmlich miteinander um die Deutung gesellschaftlicher Wirklichkeit.

Die gesellschaftlichen Systemstützer (33 Prozent)
Die Systemstützer, bestehend aus den Angekommenen (16 Prozent) und den Bewahrenden (17 Prozent), bejahen mit Abstand am stärksten, wie unsere Gesellschaft und Demokratie derzeit funktionieren. Das verbindet die eher wertprogressiven Angekommenen mit den eher wertkonservativen Bewahrenden. So stellen sie sich legitimierend vor unsere Ordnung, wo andere schärfer urteilen. Grundlage dafür sind vergleichsweise große persönliche Zufriedenheit, ein starkes Vertrauensverhältnis zu Gemeinwesen und Mitmenschen sowie die Bereitschaft, Geltungsansprüche des demokratischen Staats mitzutragen.
Damit wirken sie stabilisierend und beruhigend. Zugleich laufen sie Gefahr, legitime Problembefunde anderer nicht anzuerkennen und so demokratische Erneuerung zu bremsen.
Die gesellschaftlichen Hinterfrager (11 Prozent)
Die Hinterfrager, bestehend aus dem Typ der Aufgewühlten, fungieren als ambivalentes „Korrektiv“: Sie sind vertrauensbereit und informationsstark, kritisieren aber zugleich den Status quo und fordern entschieden gesellschaftlichen Wandel. Dabei stützen sie sich auf ihr persönliches Erleben gesellschaftlicher Probleme, klar artikulierte linksprogressive Veränderungsimpulse und eine „kritische Sympathie“ für Institutionen und Wissensakteure wie Journalistinnen oder Forscher.
Mit ihrem Fokus auf Erneuerung und genaues Hinschauen stellen sie sich gegen Stillstand. Zugleich können sie mit ihrer stark progressiven Agenda polarisierend wirken und eher bewahrungsorientierte Bevölkerungsteile in eine Verteidigungsstellung bringen.
Die gesellschaftlichen Ankläger (31 Prozent)
Die Ankläger, bestehend aus den Zurückfordernden (14 Prozent) und den Geladenen (17 Prozent), halten ein scharfes Plädoyer gegen die derzeitige gesellschaftliche Entwicklung. Im Zentrum steht der kulturelle Wandel der letzten Jahre und Jahrzehnte, von dem sie sich bedrängt fühlen. Zudem gehen sie mit unserer politischen Ordnung hart ins Gericht. Statt in passive Ernüchterung zu verfallen, bleiben sie aufmerksam und informiert. Militante Vorstellungen ballen sich bei den Geladenen, während sich die Zurückfordernden der pluralen Demokratie durchaus verbunden fühlen.
Mit ihrem streng systemkritischen Profil tragen die Ankläger derzeit maßgeblich das Erstarken illiberaler Kräfte. Aus ihrer Sicht agieren sie jedoch primär im Verteidigungsmodus: gegen Entwicklungen, die andere vorantreiben und die sie als exzessiv und bedrohlich erleben.
Die gesellschaftlich Unsichtbaren (25 Prozent)
Die Unsichtbaren, bestehend aus den Ungebundenen (neun Prozent) und den Abgewandten (16 Prozent), werden aufgrund ihrer relativen politischen Passivität mit ihren Perspektiven und Bedarfen leicht übersehen oder falsch zugeordnet. Sie interessieren sich weniger für das politische Geschehen, sind vergleichsweise institutionenfern und treten in Debatten weniger selbstbewusst auf. Bei Wertschätzung, Einbindung und Absicherung stehen sie oft nicht gut da. Die Gründe unterscheiden sich: Bei den Abgewandten geht ein enttäuschter, gemeinschaftsorientierter Anspruch mit Entfremdung einher. Bei den häufiger jungen Ungebundenen besteht dagegen „von Anfang an“ eine größere Bezugslosigkeit.
Still heißt nicht irrelevant: Im Alltag sind viele Unsichtbare Leistungsträgerinnen und übernehmen Verantwortung. Sie sind weder geschlossen prekär noch „von oben herab“ zu bemitleiden. Gerade in Zeiten des Aufstiegs illiberaler Akteure gilt es aber, der politischen Orientierungslosigkeit vieler Unsichtbarer etwas entgegenzusetzen.
Quer zu gängigen Annahmen
Soziodemografisch liegt die Einordnung unserer Typen und Rollen quer zu einigen gängigen Annahmen in öffentlichen Debatten.
- Die eine „Jugend“ gibt es nicht. Jüngere Menschen zwischen 18 und 29 Jahren finden sich in allen Rollen, überproportional aber in zwei sehr unterschiedlichen: bei den Hinterfragern und bei den Unsichtbaren. Für die Ansprache junger Menschen sind das jeweils andere Vorzeichen.
- Einwanderungsgeschichte in allen Typen. Bei den beiden jüngsten Typen, den Aufgewühlten und den Ungebundenen, ist der Anteil von Menschen mit Einwanderungsgeschichte am höchsten. Doch es gibt sie in allen Typen. Ihre Perspektiven sind vielfältig und in allen Ecken unserer Gesellschaft vertreten.
- Ost-West ist nicht die entscheidende Trennlinie. Mit wenigen Ausnahmen, vor allem bei den Geladenen, verteilen sich die sieben Typen recht gleichmäßig über beide Landesteile. Zwei Aufgewühlte in Bielefeld und Bitterfeld haben in ihrem Gesellschaftserleben womöglich mehr miteinander gemeinsam als mit vielen Mitmenschen vor Ort.