
- Gesellschaft & Demokratie
- Mai 2026
Die Vertrauenslücke: Was Menschen von Journalismus erwarten
Eine klare Mehrheit der Menschen in Deutschland hält unabhängige Medien für wichtig. Aber nur jeder Zweite erlebt die meisten Journalisten als unabhängig in ihrer Berichterstattung. Ebenso haben fast die Hälfte der Menschen in Deutschland das Gefühl, dass Medien sie in die Irre führen wollen. Das ist die Vertrauenslücke, die wir in unserer neuen Befragung zum Medienvertrauen in Deutschland gefunden haben. Von Journalismus werden Orientierung, Abbildung und Moderation erwartet.
In unseren Forschungsgesprächen mit Menschen aus ganz Deutschland fiel uns in den vergangenen Jahren immer wieder eine Sache ins Auge: Ohne dass Medien das explizites Thema sind, landen Gespräche über die Spaltung der Gesellschaft regelmäßig bei „den Medien“ als vermeintlicher Ursache. Da uns bei More in Common das gesellschaftliche Miteinander und die möglichen Faktoren, die es beeinflussen am Herzen liegen, wollten wir diese Entwicklung genauer verstehen.
Im Sommer 2025 haben wir deswegen im Rahmen einer Befragung über 2000 Menschen gefragt, wie sie über Medien und Journalismus denken. Ausgewählte Ergebnisse haben wir bei einem Vortrag auf der re:publica 2026 erstmals öffentlich vorgestellt.
Eine Beobachtungen sticht dabei besonders hervor: 87 Prozent finden es wichtig, dass es unabhängige Medien gibt. Aber nur etwa jede zweite Person erlebt Journalistinnen und Journalisten aber auch tatsächlich als unabhängig. Es steht also nicht die Idee unabhängiger Medien infrage, sondern vielmehr die Wahrnehmung ihrer konkreten Praxis.
Misstrauen, Zweifel, Enttäuschung, aber auch Kompetenz
Zu den dominantesten Gefühlen, die Menschen derzeit gegenüber Medien empfinden gehören Misstrauen, Zweifel und Enttäuschung. Dass wir es derzeit mit einem zunehmenden Medienmisstrauen zu tun haben, ist sicherlich kein neuer Befund. Was wir bei More in Common jedoch sehr gut zeigen können ist, wo in der Gesellschaft das Misstrauen besonders verbreitet ist.
Mithilfe unserer sechs gesellschaftlichen Typen wird sichtbar, dass es insbesondere die Menschen aus dem unsichtbaren Drittel – also die Pragmatischen und die Enttäuschten, die zusammen rund 30 Prozent der Bevölkerung ausmachen – und die Wütenden (19 Prozent) sind, die besonders viele Zweifel gegenüber den Medien zu hegen scheinen. Aber insgesamt, schildern Menschen, dass sich ihr Vertrauen in Medien in den letzten Jahren verändert zu haben scheint, auch in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. In unseren Forschungsgesprächen wird die Corona Pandemie häufig als eine Erfahrung benannt, die das Vertrauen in viele journalistische Medien geschwächt hat.
Gleichzeitig geben 72 Prozent der Befragten an, gut unterscheiden zu können, welchen Medien sie vertrauen und welchen nicht. Die Skepsis gegenüber Medien bedeutet also nicht, dass Menschen sich hilflos fühlen.
Was Menschen sich von Journalismus wünschen
Unsere Forschungsergebnisse zeigen, dass Menschen sich im Wesentlichen drei Dinge von journalistischen Medien erhoffen:
- Orientierung: Fakten und Hintergründen, die helfen, die Welt zu verstehen,
- Abbildung: das Aufzeigen unterschiedlicher Lebensrealitäten und Perspektiven, mit dem Wunsch mit lokaler Berichterstattung,
- Moderation: öffentliche Diskursräume, in denen Streitfähigkeit gelebt wird.
In der journalistischen Praxis gibt es bereits zahlreiche Formate und Ideen, die versuchen genau diese Erwartungen aufzugreifen und so auch schwer erreichbare Zielgruppen zu erreichen.
Projektmitarbeit
Anna Lob & Falco Hüsson
Redaktion
Wiebke Ewering
Presse
Anfragen an presse@moreincommon.com
Briefings und Vorträge
Wir freuen uns mit allen Interessierten dazu ins Gespräch zu kommen, was diese Forschungsergebnisse für journalistische Arbeit und Strategien von Medienhäusern bedeuten können. Anfragen an deutschland@moreincommon.com